Der weibliche Weg

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Anita
Donnerstag, 16. Juli 2015 - 15:20

Die Tochter einer Freundin rief mich an, eigentlich wegen ihrer Neurodermitis, die sich inzwischen auf alle inneren Schleimhäute ausgedehnt hatte. Alles fühlte sich wund an, vom Magen bis zum Darm. Im Gespräch erfuhr ich, dass sie mit ihrem Freund zusammenlebte, der wie sie im gleichen Semester war. Ihr Freund gab richtig Gas, weil er endlich Geld verdienen wollte. Sie versuchte verzweifelt mitzuhalten, sah sich aber eigentlich dem enormen Leistungsdruck nicht gewachsen. Aber Aufgeben kam gar nicht in Frage. Da hat ihr ihr Körper die rote Karte gezeigt. Jetzt sitzt sie auf der Reservebank und muss wohl oder übel eine Runde aussetzen. Statt sich auf die Suche nach der inneren Heilerin zu begeben, studierte sie medizinische Ratgeber. So wird sie zur Fachfrau für Neurodermitis, aber ich vermute, dass sie auf diesem verkopften Weg keine dauerhafte Genesung erreichen wird. Ihr würde ein Sanatorium im altrömischen Sinn gut tun. Diese Genesungsorte befanden sich außerhalb der Siedlungen. Es gab gutes Essen, sauberes Wasser und oft heiße Quellen. Dort blieben die Menschen solange, bis sie gesund waren.

Unsere Gesellschaft mit ihren Rückenproblemen, Depressionen, Burn-outs und Bluthochdruck krankt daran, dass der weibliche, langsame Weg der Ausbreitung nicht wertgeschätzt wird. Frauen haben ihren Lebensablauf größtenteils nach dem männlichen Muster ausgerichtet. Sie sind auf Leistung programmiert. Verständlicherweise, denn nur Leistung zählt. Aber nun fallen nicht nur reihenweise die Frauen aus sondern auch die Männer, weil ihnen der Ausgleich an ihrer Seite fehlt. Die Entdeckung der Langsamkeit ist dringend angesagt. Slow Living ist nach Slow Food und Slow Sex eine konsequente Weiterentwicklung der überforderten Gesellschaft. Uns Frauen liegt es im Blut, diesen Weg zu beschreiten und damit für ein Gleichgewicht zu sorgen. Gehen wir es an – laaaangsam.